01.02.2012

Zeitreise 1906 | Brigg an der Warnemünder Mole

Die Warnemünder Westmole war schon immer ein beliebter Ort, um den ein- und auslaufenden Schiffen zuzusehen. So auch vor über einhundert Jahren zur Zeit als dieses Foto entstand:

Hafenkino anno 1906 (oder früher): Auslaufende Brigg an der Warnemünder Aussenmole. Links hinterm Signalmast verschwindet ein Dampfschiff am Horizont (Foto Louis Glaser Leipzig 1906, RS-Archiv cc by RostockSailing.de)


Das "Hafenkino" an der Aussenmole hat seit jeher sowohl die "Berliners" angezogen (wie die ersten Touris liebevoll von den Warnemündern betitelt wurden) als auch - damals wie heute - die Fotografen, die das Ganze dann für die Ewigkeit festhielten.

Brigg vor Warnemünde
Das Schiff rechts im Bild ist eine 'modern' getakelte Brigg. Ein mittelgroßer Schiffstyp, wie er um die Jahrhundertwende ziemlich gängig und weit verbreitet war.

Zum Auslaufen aus einem Hafen mussten unmotorisierten Segelschiffe auf ein Zeitfenster mit günstigen Winde warten. Auf Rostock und Warnemünde bezogen waren dies natürlich - wie hier im Bild - vor allem Winde aus südlichen Richtungen, die die Windjammer die Warnow nach Norden und dann auf die offene Ostsee segeln ließen.

Es war die Zeit des großen Umbruchs, als die "Kohlefresser" begannen, den Lastseglern Stück für Stück das Brot vom Teller zu nehmen, zu klar waren die Vorteile der Dampfschifffahrt, zu planbar deren Reisen. "Kahlfräter", "Füerfräter" (Kohle-/Feuerfresser), "Blökerkasten" (Qualmkasten) und "Stinkerjahn" schimpften die Berufssegler damals auf die sich stetig vermehrenden, windunabhängigen Motorschiffe (vgl. R. Wossidlo: Reise, Quartier, in Gottesnaam).

Warnemünder Mole (vor 1906)
Dass auf unserem Foto das Dampfschiff (links hinterm Signalmast) bereits am Horizont entschwindet, während der Zweimaster gemächlich die Molenköpfe passiert, hat fast schon so etwas wie Symbolcharakter.

Vielleicht stammt die Rauchfahne auf dem Foto ja sogar schon von einem der ersten beiden Schaufelradfähren zwischen Rostock und Gedser - der deutschen FRIEDRICH FRANZ IV oder der dänischen PRINSESSE ALEXANDRINE. Die deutsch-dänische Trajekt wurde 1903 als erste deutsche Fährlinie nach Skandinavien in Betrieb genommen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte... 


Wat is 'ne Brigg ...?

Auf jeden Fall darf das 'R' in der Brigg anständig gerollt werden! ;o) Ansonsten bezeichnet man als Brigg ein zweimastiges Segelschiff mit Rahsegeln an beiden Masten. Am Großmast wird zusätzlich ein Schratsegel (noch heute meist ein Gaffelsegel) gefahren, das bei dieser Takelungsart Briggsegel heißt. Briggs wurde vorwiegend als Handelsschiffe eingesetzt.

Auch heute gibt es noch eine ganze Reihe brigg-getakelter Traditionssegler wie zum Beispiel die FRYDERYK CHOPIN (POL), ROALD AMUNDSEN (GER), EYE OF THE WIND (DEN), MERCEDES und APHRODITE (NED).

Tradition vs. Moderne: Die 1911 in Brake gebaute, heute unter dänische Flagge fahrende Brigg EYE OF THE WIND (re.) auf der Kieler Woche 2011 zusammen mit dem V.O.60 ILLBRUCK und Streamline-Booten (foto cc by RostockSailing.de)



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Eine schöne Animation zur Entwicklung der unterschiedlichen Takelarten gibt's übrigens in der folgenden Video-Animation (via sailinganarchy.com):




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