25.06.2011

Rostocker Optimismus

Irgendwie drängte sich ungewollt der Gedanke an frühere Demonstrationen zum 1. Mai ins Gedächtnis. Auch damals (vor locker mal 30 Jahren) mussten wir Knirpse einen aufgetakelten Opti vom Neuen Markt (zu der Zeit noch Ernst-Thälmann-Platz) in Richtung Lange Straße buckeln und den Oberbürgermeister hat's gefreut...



Nun ja. Heute nachmittag "demonstrierten" also seit langem wieder mal ein gutes Dutzend Jüngstenboote mit ihren zukünftigen Skippern durch die Innenstadt, wobei der Anlass natürlich ein komplett anderer und weitaus besserer war, als dem rotgemalten Arbeiter- und Bauernstaat zu huldigen. Genau 14 nagelneue Optimisten waren es - von der Stadt organisiert und von Eurawasser offiziell gesponsert, die mit viel Tamtam und Presse vom OB höchstpersönlich und feierlich vor dem Rathaus getauft und an die Rostocker Vereine übergeben wurden...


Fabrikfrisch: 14 nagelneue Optis wurden vor dem Rostocker Rathaus getauft und an die Rostocker Vereine übergeben (alle fotos cc by RostockSailing.de).


Anschließend begann ein fröhlicher Gänsemarsch durch die Kröpi, dann nochmal Pressetermin auf dem Uniplatz, weiter durch die Breite und schließlich sogar mit Polizeibegleitung durch die Lange Straße. Hier hatten die nagelneuen Segel ihre erste zweistündige Starkwindeinheit endlich hinter sich und durften abgeriggt werden, bevor es hinunter in den Stadthafen zum RSC-92 ging.

Spitzenmäßige Geschichte und vor allem tolle Bilder für die zahlreich angetretenen Fotografen und Zuschauer von einer Veranstaltung, die in der Rostocker Wochenendpresse kaum zu überlesen sein wird! Gute Presse auch für das Unternehmen Eurawasser, das sich bereits seit Jahren für den Rostocker Segelnachwuchs engagiert (so startet morgen z.B. der 3. Eurawasser Pokal auf der Warnow). Zumal Eurwasser auch dafür sorgt, dass unsere Kinder "nicht mehr gebürstet werden müssen, nachdem sie in die Warnow gefallen sind", wie OB Roland Methling in seiner Tauf-Laudatio betonte. 

Der Einzelwert der heute überreichten Blueblue-Optis dürfte bei wenigstens 4.000 EUR liegen, was bei 14 Booten schon eine recht stolze fünfstellige Summe ergibt. Soviel Engagement ist natürlich lobens-, hervorhebens- und hoffentlich auch nachahmenswert für weitere lokale Unternehmen. Gerade letzteres muss ausdrücklich betont  werden, damit die städtische "Opti-Verschenkung" nicht nachträglich zu einem politischen und wirtschaftlichen Feigenblatt auf den durchaus vorhandenen Problemen des Rostocker Segelsports wird. 

So überstrahlte der heutige Pressetermin beispielsweise das zeitgleich drohende Aus für die Arbeitsstelle des Stadttrainers Uwe Ochmann, dessen Aufgabe darin besteht (bestand?), die besten Rostocker Nachwuchstalente zu finden, zu bündeln und gezielt zu fördern. Eigentlich doch eine Minimalanforderung an eine Stadt, die nicht müde wird, sich des besten deutschen Segelreviers zu rühmen und - wie heute gerade geschehen - gern als Förderer des Segelnachwuchs präsentiert. Sollte man zumindest meinen.

Für den Fortbestand von "Ochi's" Stelle über das Jahr 2011 hinaus fehlen "nur" rund 10-15.000 EUR. Das entspricht etwa der Summe, die in den letzten Jahren der (immer noch existente) Olymp-Club jährlich beigesteuert hatte. Dieser will nun zum kommenden Jahr seine Tätigkeit endgültig einstellen und kann somit auch die Förderung des Stadttrainers nicht mehr gewährleisten (die restlichen zwei Drittel werden derzeit von der Stadt, dem Land und den Rostocker Vereinen getragen). Das bedeutet: wenn es bis September nicht gelingt, den fehlenden Betrag durch Sponsoren oder andere Förderer aufzubringen, wird es im kommenden Jahr wohl keinen hauptamtlichen Segeltrainer für Rostock mehr geben.
 
Dass schon dreieinhalb Eurawasser-Optis weniger gereicht hätten, den Stadttrainer auch 2012 weiter zu bezahlen, ist zwar rein mathematisch nicht von der Hand zu weisen, allerdings wohl auch etwas zu kurz gegriffen, da beide Themen aus finanzpolitischer Sicht offenbar nur bedingt miteinander zu tun hatten. Das zeitliche Zusammentreffen von Optiglück und Stadttrainerproblematik ist einfach nur ein Zufall, der so für niemanden vorherzusehen war.

Und dennoch - wer A sagt muss auch B sagen! Die neuen Boote sind zweifellos ganz prima und eine gelungene PR-Aktion für den OB. Aber was hilft unseren Kids das ganze schöne neue Material, wenn auf der anderen Seite elementare Strukturen, nämlich die gezielte Förderung und damit die langfristige Perspektive einfach so sang- und klanglos wegbrechen...?!

Wenn die lokalen Vertreter von Politik und Wirtschaft es wirklich ernst meinen mit der Unterstützung für den Rostocker Segelsport und sich nicht nur kurzzeitig im Licht der aktuellen Medienveröffentlichungen sonnen wollen - hier liegt genau die nächste Chance, dies eindrucksvoll unter Beweis zu stellen - gute Presse inklusive!



Rostocker Segler-Nachwuchs: Perspektive durch gezielte Förderung? Für die Stelle des hauptamtlichen Stadttrainers sieht es momentan weniger sonnig aus (alle fotos cc by RostockSailing.de).


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