13.05.2014

"38H8M" | Der RUND BORNHOLM Film



38 Stunden und 8 Minuten - das ist exakt jene Zeit welche die Rennyacht SEB im Jahr 2013 als schnellstes Schiff für den 270 Seemeilen langen Ostsee-Klassiker "Hanseboot Rund Bornholm" gebraucht hat.

Wahrlich keine Rekordzeit; die liegt seit 13 Jahren fest verankert bei 28h 37m 23s (aufgestellt 2001 bei Idealbedingungen von der alten UCA). Ein 10-Knoten-Schnitt wäre also notwendig - eigentlich kein Problem für modernere Rennyachten wie die Ocean Racer. Aber schon ein flautebedingtes "Einparken" oder ein paar Stunden Wind "auf den Kopp" und der daraus resultierende Kreuzkurs reichen aus, um die Durchschnittsgeschwindigkeit radikal in den Keller zu drücken. Beides - Flaute und Kreuzen - gab's bei der letzten Ausgabe von Rund Bornholm (wieder mal) reichlich...

Flautesegeln bei Rund Bornholm 2013
Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, schon gar nicht beim Segeln. Umso erstaunlicher das Ergebnis des vorliegenden Filmprojektes, bei dem der freischaffende Kameramann und Fotograf Matze Marx so ziemlich alle Register gezogen hat, die mit einem quasi 'Nullbudget' überhaupt zu ziehen sind. Herausgekommen ist die faszinierende Dokumentation einer "ganz normalen" Hochseeregatta. Gleichzeitig ein in dieser Form kaum wiederholbares Projekt und spannende Herausforderung für alle Beteiligten. Nachfolgend dazu ein kleines Interview:

Matthias Marx, Jahrgang 69, kommt eigentlich aus der Werbung. Seit 2010 ist er als freier Kameramann und Fotograf unterwegs und überall dort zu finden, wo es Geschichten zu erzählen gilt.  Wir haben ihn nach den Hintergründen und Fakten zu dem Projekt "38H8M" befragt. Wie kam es also zu dem Projekt?

MM: Irgendwie müssen wir alle unsere Brötchen verdienen, aber ich nehme mir im Jahr die Zeit für ein bis zwei eigene Filmprojekte, die ich quasi als Null-Budget Produktionen komplett allein realisiere. Am Anfang ist da immer ein Thema, das ich spannend finde. Ich treffe mich mit meinen Wunschprotagonisten. Wir schwatzen, entwickeln aus der Idee eine Geschichte und irgendwann legen wir dann einfach los. Im Grunde war das auch der Anfang für die Dokumentation "38H8M".

Blick aus dem Masttopp in 27m Höhe
Ich komme selbst aus dem Segelsport, bin ein paar Jahre auch mal zur See gefahren. Auch wenn es danach lange Zeit keine Verbindung mehr zum Wasser gab, liegen meine Wurzeln doch irgendwo im Meer. Ich filme und fotografiere viel am und auf dem, vor allem aber leidenschaftlich gern im Wasser. Bei allen Bedingungen. Kite- und Windsurfen, Wellenreiten... Und wenn du dann in Warnemünde mit der Kamera im Wasser schwimmst und die Speedsailing-Volvos am Horizont siehst...

Ist da schon die Idee entstanden, gemeinsam mit Speedsailing einen Regattafilm zu machen?

MM: Nein, die entstand viel später. Da gab’s im Spätsommer 2012 einen sehr spannenden Ausflug mit Kitesurfern auf dem Traditionssegler LOTH LORIEN, den ich begleitet hab und aus dem die Dokumentation "Set by the wind" entstanden ist. Die ersten Stunden nach dem Auslaufen haben uns der Trimaran und ein RIB von speedsailing begleitet. Wakeboarding am Großfall vom Tri und das RIB mit einem aufblasbarem Sofa im Schlepp... jede Menge Spaß und Action für alle. Die Idee für einen Regattafilm ist dann im Schnitt von 'Set by the wind' entstanden. Noch im Herbst 2012 haben wir uns dann getroffen und das erste Mal über ein gemeinsames Projekt gesprochen. Ich hab die Idee vorgestellt und bin eigentlich offene Türen eingerannt.

Die Warnemünder Woche zählt durchaus zu den Großereignissen im deutschen Segelsport, aber außer den Ergebnissen und ein paar Bildern ist es ziemlich schwer, dem 'Normalverbraucher' ein Segelrennen wie „Rund Bornholm“ nahe zu bringen. Was hat Dich daran gereizt? Warum schaffen es nur so wenige Segelsportereignisse an die breite öffentliche Masse?


MM: Genau darum ging es mir bei der Idee zum Film. Zum einen um ein bisschen mehr Wahrnehmung für den Segelsport ganz allgemein und Offshore-Rennen im speziellen. Wenn es Segelereignisse in die Medien schaffen, dann sind es immer nur die ganz großen Rennen an spektakulären Orten die auf Hightech Booten gefahren werden. Da spielt immer ganz viel Geld eine Rolle, was man auch auf die Filme und Berichte beziehen kann, die manchmal zu sehen sind. Das ist wirklich ganz großes Kino, keine Frage. Spektakulär, aber irgendwie nicht breitentauglich. 

An Bord der SEB
Ein Offshore Regatta, wie die "Hanseboot Rund Bornholm“ schon. Die wird nach Yardstick gefahren, was letztlich nichts anderes bedeutet, als dass ganz viele unterschiedliche Schiffe zeitgleich starten und auf Grund eines Handicap-Faktors, der auf Vermessungsbasis ermittelt wird, trotzdem gleiche Chancen auf den Sieg haben. Das eine Ende der sportlichen Fahnenstange bilden dann hochgezüchte Rennziegen wie die V.O.60er und die OPAL... am anderen finden sich dann u.a. die guten alten Hiddensee's wieder. Material ist wichtig. Noch wichtiger aber, wie du damit umgehen kannst. Seglerisches Können, Taktik, Navigation, Know How Wind und Wetter betreffend, das sind ganz wichtige Elemente für ein erfolgreiches Rennen. Spannend auch, dass es genug Möglichkeiten gibt, sich als Segelsportinteressierter einfach auf einem Teilnehmerboot einbuchen zu können. Das Regattaleben an Bord, Wach- und Ruhezeiten, Frühstück aus dem Hundenapf... das alles hat wenig mit einem Kaffee- und Kuchentörn zu tun, sondern ist wirklicher Sport.

Zurück zum Film und mal Fakten auf den Tisch: 17 Minuten sind für eine Reportage dieser Form recht lang. Null Budget versteht auch jeder. Aber wenn man allein daran denkt, wieviel Zeit es beanspruchen kann, Urlaubsfotos zu sichten und zu sortieren... Wieviel Aufwand steckt hinter 38H8M?

MM: Ganz klar vorweg: "Null Budget" ist wirklich nur darauf zu beziehen, dass es bei der Umsetzung dieses Projektes keine bezahlten Leistungen und Gegenleistungen gab. Man muss ganz klar sehen: Sicher habe ich viel Zeit investiert, auch Technik. Aber das haben alle an dem Projekt Beteiligten. Jeder hat eingebracht, was im Rahmen seiner Möglichkeiten drin war. Dass daraus ein Film entstanden ist, der ganz ohne Geld auskommt, ist für mich das Bemerkenswerteste überhaupt. Es ist also nicht "mein" Film, sondern unser!
Matze Marx bei den Dreharbeiten

Ein paar Fakten: Alles in allem haben wir 11 Tage gedreht, im Schnitt 10 Stunden. In dieser Zeit sind rund 18 Stunden oder 420 Gigabyte Rohmaterial entstanden. Das gesamte Projekt ist jetzt, wo es abgeschlossen ist, 1.78 Terrabyte groß. Sichtung des Rohmaterials und Auswahl der Takes: 48 Stunden. Up conversion und Vereinheitlichung unterschiedlicher Footagerohformate: 24 Stunden. Schnitt (Film + Trailer): 72 Stunden. Color Correction , Grading/Look: 96 Stunden. VFX: 48 Stunden. Soundtrack (Auswahl & Remix): 52 Stunden. Finishing: 24 Stunden. Render- und Rechenzeiten: keine Ahnung, gefühlt: Monate.

In der Summe also, wenn ich mich nicht verrechnet hab:

Zeit: rund 450 Stunden +
Bier: 0 +
Kaffee: 0,25 Liter/Stunde +
Tabak: 2 Plantagen +
Nerven: k&67%h&rrf/m&§f5
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Spaßfaktor: 235% über die gesamte Zeit

Aus 18 Stunden Rohmaterial „nur“ 17 Minuten fertiger Film, das klingt wenig...

MM: Sicher, auf den ersten Blick. Allerdings muss man eines bedenken: Wir haben keinen Film mit Drehbuch und festen Szenen, Einstellungen und Dialogen gedreht. Es gab den roten Faden für eine Geschichte, die wir erzählen wollten, mehr nicht. Was dann tatsächlich passiert, weißt du vorher nicht. Also fängst du mit der Kamera recht viel ein, von dem du weißt, dass du es nicht brauchen wirst. Aber was genau, das weißt du halt erst, wenn alles vorbei ist. 

Direkter Gegner: die OPAL
Die eigentliche Geschichte erzählt sich dann auch erst im Schnitt. Bei 'richtigen' Drehs ist das etwas anders, natürlich. Kleines Beispiel: die OPAL war auf dem Papier unser direkter sportlicher Gegner. Dass das auch teilweise im Film zu sehen ist, ist Zufall und auch erst im Schnitt aufgefallen. Sie war irgendwie immer da. Perfekt, aber das war vorher nicht zu ahnen. Um kein geschichtetragendes Ereignis zu verpassen, läuft die Kamera dann doch öfter und länger, als gewöhnlich.

Was war Dein spektakulärstes Arbeitserlebnis?

MM: Ganz klar gleich am ersten Drehtag. Wir haben uns überlegt, dass es doch eigentlich schick wäre, Außenaufnahmen vom Boot zu haben. Ohne Beiboot eigentlich nicht zu realisieren. Es sei denn, man hat einen einfallsreichen Skipper wie Oli dabei. Kurz gesagt: ich hab mir `n Sicherungsgurt angezogen, wurde am Großfall festgemacht und dann in Lee über die Bordwand hinweggeschwenkt. Mit der Kamera in der Hand konnte ich aus ca. 5 bis 7 Meter Entfernung wunderbare Aufnahmen vom Boot machen. 

Rund Bornholm 2013
Die Crew hat mich dabei am Grinder immer etwa 1 Meter über der Wasserlinie gehalten. Die mit Abstand tollsten Bilder sind entstanden, als wir zwei, drei höhere Wellen erwischten und der lift-up nicht schnell genug ging... da wurde ich durch’s Wasser gezogen, inklusive Kamera. Ergebnis der Aufnahme: wir sehen das Boot durch die Wellen schneiden, dann plötzlich ganz viel Weißwasser... eintauchen... unter Wasser, grün und der Kiel... Weißwasser, auftauchen... wieder das Boot. Irre... 3 perfekte Sekunden. Konnten wir leider später im Film nicht verwenden, da wir an dem Tag mit der GLASHÄGER (ILLBRUCK) unterwegs waren, das Rennen später aber mit der SEB gesegelt wurde. Künstlerpech.

Danke Matthias und viel Erfolg bei Deinen zukünftigen Projekten!


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