28.10.2010

DDR-Vierteltonner: Volldampf-Trabbis seit 1972!

Legendär wie der Trabant, aber nicht so stinkig. Stattdessen voll im Saft: Die "Ur-Hiddensee" aller "Hiddensees" - hier unter Vollzeug - geht bei der Senatoren-Regatta 2010 als Achter von 28 DDR-Vierteltonnern durch's Ziel.  Mit dem selben Steuermann wie vor 38 Jahren; die "Hiddensee I" lief 1972 in Rostock vom Stapel. (cc by RostockSailing.de).


Rostock-Stadthafen am 3. Oktober 2010: Reichlich Luftdruck aus Südwest zur diesjährigen (16.!) Senatoren-Regatta - das ergibt plötzliche Böen, fette Dreher und undefinierte Abdeckungen. Nicht gerade anspruchslos, was da auf die (mehr oder weniger regattaerfahrenen) fast 30 Crews auf ihren DDR-Vierteltonnern vom Typ "Hiddensee" zukam. Zumal die erste Meile nach dem Start zwischen Haedge-Halbinsel und den Gehlsdorfer Segelclubs auch noch durch die engste Stelle der Warnow führte.

Lecker Hafenkino also - da musste man einfach mit der Kamera drauf! Die Ergebnisse sind u.a. beim Segelreporter zu sehen, wobei Carsten Kemmling gleich noch 'ne lustige Bilderstory daraus gebastelt hat. Außerdem lässt sich dort auch nachlesen, welche Idee genau hinter der Senatoren-Regatta steckt. Ein einzigartiges Format, bei dem die (lokale) Politik, Wirtschaft und der Segelsport unkonventionell zueinander finden und auch aus sportlicher Hinsicht duchaus ein Höhepunkt im Rostocker Regattakalender!

Soweit so gut - eigentlich doch ein sauberer Artikel und deutschlandweite Promotion für die legendäre DDR-Bootsklasse. Und hier wäre die Geschichte eigentlich auch zu Ende. Wenn da nicht...




Ja wenn da nicht... 

 Keine zwei Tage nach Erscheinen des Artikels beim Segelreporter bekomme ich einen "Beschwerde"-Anruf von Bernd G. (70) aus Plauen im Vogtland, ca. 40 km hinter Zwickau (Trabbi-Stadt!). Wie ich denn seine geliebte "Hiddensee"-Klasse mit dem "Zweitakt-Stinker vom Sachsenring" vergleichen könne...!? Außerdem sei das erste Schiff nicht 1970 im sächsischen Halle, sondern erst zwei Jahre später in Rostock entstanden...

Oha! Da hatte der gute Bernd ja was gesagt. Das konnte ich keinesfalls auf mir sitzen lassen! 

Zum Einen ist ein Trabbi für mich absolut kein Schimpfwort, sondern längst das Synonym für einen ebenfalls legendären Oldtimer. Meiner letzten Rennpappe trauere ich heute noch hinterher; insgeheim wünsche ich mir sogar wieder einen - bitte 601 Kombi mit AHK in Originallackierung!. Zudem ist der Begriff "Trabant der Ostsee" nicht von meinem Mist. Er reicht mindestens bis in die Wendejahre zurück, wenn nicht noch länger. Ich fand ihn immer ziemlich treffend für die Hiddensee-Klasse - beides waren einfache, erschwingliche Gefährte, die zu 100% ihren Sinn erfüllten: der eine an Land und der andere eben auf den Zonen-Gewässern. Mit weit über 500 gebauten Rümpfen war der "Hiddensee"-Rumpf zudem der mit Abstand beliebteste See- und Jollenkreuzer in der deutschen demokratischen DDR.

Und wieso überhaupt Halle und Sachsen!? Natürlich hat Walter Loos die "Hiddensee I" 1972 hier entwickelt und gebaut (eine abenteuerliche Geschichte für sich) - das steht völlig außer Frage! Das Schiff ist in Rostock so bekannt wie die "Rubin" seinerzeit in Bremen. Naja. Oder so. Ich durfte sogar selbst an Bord der "Ur-Hiddensee" dabei sein, als wir 1990 noch letzter DDR-Vizemeister wurden! Klar; Schnee von gestern, aber Fakt ist: der Ofen ist von hier oben! 

Also zurück zum Artikel. Und tatsächlich: Carsten Kemmling hat - in guter Absicht(!) - den Beitrag noch um das "Kurzporträt einer Legende" erweitert und darin taucht er auf, der Satz: "1970 entstand das erste Schiff im sächsischen Halle."  Aber wo hat er das bloß her? Eine sofortige Nachgoogelung brachte dann das Licht ins Dunkel. 

Es gibt einfach Dinge, die man im Internet nicht findet. Bzw. ist das was man findet einfach mal falsch; oder zumindest in Teilen wie eben in diesem Fall. Und wenn das Falsche dann das einzige ist, was man findet, dann kann es passieren, dass das Falsche zur scheinbaren Wahrheit wird und sich fortpflanzt wie die Mücken im Schilf. Das ist natürlich nicht gut, aber auch nicht gerade selten im Internet. Und weil bislang im ganzen großen www-Universum dieser Welt offensichtlich  keine wirklich wahre "Geschichte des DDR-Vierteltonners Typ Hiddensee" zu finden ist, musste das Ganze hier einfach mal aufgechrieben werden.

Vielleicht fühlt sich ja jetzt jemand angeregt, diesen weißen Fleck im Internet bunt auszumalen. Falls das geschieht, möge er/sie bitte hier einen Kommentar hinterlassen - es soll mir einen Beitrag wert sein! Wie wär's beispielsweise bis in zwei Jahren, also 2012 zum 40. Geburtstag der "Hiddensee"-Klasse?! 

Das geniale Konzept vom "Trabant der Ostsee" mit seinem Erfinder Walter Loos jedenfalls hätten es allemal verdient...! 

Oder wat?

Segelnde DDR-Legende(n): Die "Hiddensee I" ist heute nicht nur top in Schuss, sondern immer noch mit ihrem Erfinder Walter Loos am Rohr (1.v.l.) erfolgreich unterwegs. Hier beim Spibergen während der 16. Senatoren-Regatta 2010 im Rostocker Stadthafen. (cc by RostockSailing.de)

PS: Bernd aus dem Vogtland und ich sind nach etwa einer Stunde Telefonat und einigen Mails dann doch noch "gute Freunde"  geworden. Die Sache mit den Trabbis sieht man in Zwickau offensichtlich anders, weil's dort noch deutlich mehr von gibt (die dann "alles vollstinken").  Hiddensee-mäßig hat Bernd sich jedenfalls vor ein paar Jahren selbst eine gekauft und seitdem Unmengen Zeit, Geld und Energie in seine "Baltic" investiert Lustigerweise stieß ich nach seinem Hinweis im Verlauf der Internet-Recherche auf das damalige Verkaufsexposé von ausgerechnet seinem heutigen Schiff. Und welcher Satz stand da wohl ganz vorn im Text? 

Na? 
Genau!  

"1970 entstand das erste Schiff im sächsischen Halle." ...

:-)

Kommentare:

  1. Soweit mir bekannt ist stammt der Entwurf von Walter Loos und Ulli Lass! Ulli musste dann den Bau seiner Hiddensee wegen 2x Zwillingsnachwuchs aufgeben. Hätte er mal lieber gleich einen Halbtonner entworfen ;-)

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  2. Das ist immer noch nur die halbe Wahrheit.
    Auch Wolfgang Schmidt und nicht zuletzt der "Millionentischler" Hamann waren beteiligt (und ich bin, beim Versuch ihnen Unterlagen existierender Vierteltonner aus Holland mitzubringen vom Zoll erwischt worden ) - es gibt immer noch was dazu zu lernen.
    uwe

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